20.06.2022 | Aktualisiert am: 24.06.2022

Wie eine erneuerbare und von fossilen Energieträgern unabhängige Energieversorgung in Gebäuden und Quartieren gelingen kann, haben Expertinnen und Experten auf dem 3. Kongress Energiewendebauen in Wuppertal diskutiert. Dabei stellten sie Lösungen aus Forschung und Praxis vor.

Die klimafreundliche Energieversorgung stellt derzeit viele Menschen, von der Handwerkerin bis zum Politiker, vor schwierige Fragen: Wie kann die Wärmewende in den Kommunen gelingen? Vor welchen Herausforderungen stehen die beteiligen Unternehmen? Und: Wie können die relevanten Akteure konstruktiv bei der Umsetzung der Energiewende zusammenarbeiten? Fragen, auf die der dritte Kongress Energiewendebauen verschiedene Antworten lieferte.

Das zeigte schon der Eröffnungsvortrag von Dr. Wolfgang Langen, Leiter des Referates IIC6 Energieforschung – Projektförderung und Marktbereitung; Schlüsseltechnologien der Energiewende im Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK). Er wies auf die hohe Relevanz der Themen Energie, Versorgungssicherheit und Bezahlbarkeit in der aktuellen Agenda der Berichterstattung hin. So sollen etwa neu eingebaute Heizungen ab 2024 auf Basis von mindestens 65 Prozent erneuerbaren Energien betrieben werden. Das BMWK bereitet außerdem aktuell einen Wärme-Call vor, der alle Energieforschenden aufruft, ihre für die Wärmewende relevanten Förderthemen einzubringen. Eine Forschungsinitiative Wärmewende soll auf den Weg gebracht werden.

Wirtschaft und Kommunen: Ein Blick in die Praxis

Lösungen für die Wärmewende aus Sicht der Industrie stellte Marc Wallraff, Head of Commercial Business beim Heizungshersteller Viessmann, vor. Diese reichten von der modularen Heizzentrale über die Quartiersversorgung bis hin zu ganzheitlichen Nahwärmesystemen. Wallraff wies darauf hin, dass Heiz-, Industrie- und Kühlsysteme immer stärker zusammenwachsen und dies neue Chancen biete, effiziente Anlagen zu bauen. So sehe er, dass Wärmenetze auch für Ein- und Mehrfamilienhäusern an Bedeutung gewinnen würden. (Hinweis der Redaktion: Ein Interview mit Marc Wallraff wird in Kürze auf energiewendebauen.de veröffentlicht.)

„Wir werden zunehmend um planerische Unterstützung bei Bau- und Sanierungsvorhaben gebeten.“ Marc Wallraff, Head of Commercial Business, Viessmann

Dr. Uwe Schneidewind, Oberbürgermeister der Stadt Wuppertal und ehemaliger wissenschaftlicher Geschäftsführer des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt und Energie, wies in seinem Vortrag darauf hin, dass viele Voraussetzungen nötig seien, um herausragende Technologien umzusetzen. So scheitere es in den Kommunen oft an den ökonomischen Rahmenbedingungen. Als Beispiel nannte er den Bereich Mobilität, den in Großstädten häufig die gewinnbringende Energiesparte mitfinanziere. Was bei der Umsetzung von Innovationen noch verbessert werden kann, analysiert ein Netzwerk zukünftig im Living Lab NRW. Hier untersuchen die Expertinnen und Experten acht der Wettbewerbsgebäude des Solar Decathlon Europe 21/22 für Forschungszwecke im Betrieb.

Wissenschaft: Umsetzung nur gemeinsam mit Akteuren vor Ort möglich

Den Beitrag der Forschenden für eine erfolgreiche Wärmewende präsentierte die wissenschaftliche Begleitforschung Energiewendebauen: Professor Dirk Müller (RWTH Aachen) ging zunächst auf die energiepolitischen Ziele und Potenziale im Gebäudesektor ein. Der Ausbau der Wärmepumpen spielt hierbei eine wesentliche Rolle. Wichtige Forschungsziele seien, die Wärmepumpeneffizienz durch optimale Betriebsparameter zu steigern, sie ins Gebäudeenergiesystem (Photovoltaik, Speicher, Elektromobilität) einzubinden, Geräuschemissionen zu reduzieren und ein angenehmes Betriebsgeräusch zu ermöglichen. Dass die Wirtschaftlichkeit in den Forschungsvorhaben auch eine wichtige Rolle spielt, zeigte Carsten Beier (Fraunhofer UMSICHT). So entwickeln 25 Projekte aus der Forschungsinitiative Energiewendebauen Geschäftsmodelle, in denen es um die Erlöse aus Quartierslösungen/ Sektorkopplung geht.

Professorin Rita Streblow verdeutlichte in ihrem Vortrag die hohe Relevanz der Digitalisierung im Forschungssektor. Sie leitet das Modul Digitalisierung der wissenschaftlichen Begleitforschung Energiewendebauen. Ziel ist es, noch offene Effizienzpotentiale für die Erreichung der Klimaschutzziele über die Digitalisierung erschließbar zu machen und den ökologischen, ökonomischen und sozialverträglichen Einsatz der Digitalisierung in diesem Kontext aufzuzeigen und zu bewerten. Die Erkenntnisse aus den Projekten sollen verständlich aufbereitet, Daten verfügbar und Methoden anwendbar gemacht werden.

Bei der Umsetzung der Energiewende müssten die Akteure vor Ort miteinbezogen werden, verdeutlichte Professorin Katharina Gapp-Schmeling von der VICTORIA Internationale Hochschule und dem Institut für ZukunftsEnergie- und Stoffstromsysteme, IZES. Im dem von ihr betreuten Vorhaben „Wärmewende in der kommunalen Energieversorgung (KoWa)“ geht es unter anderem darum, Hemmnisse und Treiber zu identifizieren. Das Forschungsteam verfolge hier einen interdisziplinären Ansatz, der nicht nur in Technologie- sondern auch in Akteursstrukturen denke, so Gapp-Schmeling. (Hinweis der Redaktion: Ein ausführliches Interview mit Professorin Gapp-Schmeling wird in Kürze auf energiewendebauen.de veröffentlicht.)

„Es braucht Schlüsselakteure vor Ort, damit Energiewende dort umgesetzt werden kann.“ Professorin Katharina Gapp-Schmeling, VICTORIA Internationale Hochschule und Institut für ZukunftsEnergie- und Stoffstromsysteme, IZES

Das von Professor Belal Dawoud (Ostbayerische Technische Hochschule Regensburg) vorgestellte Forschungsprojekt „Energetische Modernisierung des genossenschaftlichen Wohnquartiers Margaretenau in Regensburg (MAGGIE)“ bringt verschiedene Innovationen zusammen, um energieoptimiertes Wohnen im Bestand zu ermöglichen. Parallel zu einem solaraktiven und -adaptiven Außenputzsystem entwickelte das Forschungsteam ein hybrides Heizsystem aus Kraft-Wärme-Kopplung und Wärmepumpentechnologie, in Verbindung mit einer bedarfsgeführten Versorgung mit Warmwasser und Heizungswärme und einer KI (Künstliche Intelligenz)-Steuerung. Fazit von Dawoud: Eine enge Zusammenarbeit zwischen Forschung, Planung und Installationsfirmen sei unerlässlich, damit die Vorteile des Systems zum Tragen kämen. 

Professor Viktor Grinewitschus (EBZ Business School) wies in seinem Vortrag darauf hin, dass Digitalisierung ein wichtiges Werkzeug für mehr Energieeffizienz bei Heizungsanlagen sei. In dem von ihm betreuten Vorhaben BaltBest „Einfluss der Betriebsführung auf die Effizienz von Heizungsaltanlagen im Bestand“ hatten Forschende Heizungsanlagen in 100 Mehrfamilienhäusern aus den Baujahren 1950 bis 1960 untersucht. Das Ergebnis: Mit geringen Investitionen sind Energieeinsparungen von 10 bis 20 Prozent möglich. Eine Einbindung der Mieterinnen und Mieter ist hierfür ein wichtiger Faktor.

Mit Gesetzen und Förderung zu klimaneutralem Gebäudebestand

Im Gebäudesektor hat Deutschland in den letzten Jahren seine Klimaziele verfehlt. Um dem zukünftig zu begegnen, plant das Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK), die Rahmenbedingungen auf der gesetzlichen sowie auf der Förderebene zu verändern. Darauf wies auch Christian Maaß, Leiter der Abteilung „Energiepolitik – Wärme und Effizienz“ im BMWK, hin und stellte neue Maßnahmen der Bundesregierung vor: Beim Gebäudeenergiegesetz steht eine mehrfache Novellierung an. Der Effizienzhausstandard 55 wird in Kürze als Mindeststandard für Neubauten in Kraft treten. Der nächste große Schritt sei die Umsetzung der Anforderung, dass ab dem 1. Januar 2024 jede neue Heizung mit 65 Prozent erneuerbaren Energien betrieben werden soll. Die Vorgabe sei technologieneutral, aber die Nutzung von Wärmepumpen spiele hier eine Schlüsselrolle, wobei auch Technologiekombinationen möglich seien. Eine große Bedeutung habe bei der Erreichung der Klimaziele der Gebäudebestand.

Solar Decathlon Europe liefert innovative Ideen für Klimaschutz

Direkt im Anschluss an den 3. Kongress Energiewendebauen startete der internationale Gebäude-Energie-Wettbewerb Solar Decathlon Europe 21/22. Hier treten Studierenden-Teams aus elf Ländern mit ihren Ideen für eine klimaneutrale Gebäude-Zukunft an. Teilnehmende des Kongresses hatten bereits am Morgen die exklusive Möglichkeit, ausgewählte Häuser bei einer Führung zu besichtigen

Info

Die Vorträge des Kongresses werden in Kürze an dieser Stelle veröffentlicht.

(bs)

Newsletter

Nichts mehr verpassen:

© bluejayphoto