30.05.2022| Aktualisiert am: 30.05.2022

Um bis 2045 Klimaneutralität im Gebäudebereich zu erreichen, müssen Innovationen vorangebracht und bewährte Technologien breiter in den Markt gelangen. Wie dies - auch mit Erkenntnissen aus der angewandten Energieforschung - gelingen kann, wurde auf einer Veranstaltung des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz deutlich.

Im Gebäudesektor hat Deutschland die Klimaschutzziele in den letzten Jahren verfehlt. Um dem zukünftig zu begegnen, plant das Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK), die Rahmenbedingungen auf der gesetzlichen sowie auf der Förderebene zu verändern. 

Wie Christian Maaß, Leiter der Abteilung Energiepolitik - Wärme und Effizienz im BMWK, ankündigte, wird das Ministerium eine Reform der Bundesförderung für effiziente Gebäude (BEG) auf den Weg bringen. Nach dem Prinzip „worst first“ sollen statt Neubauten, die am schlechtesten sanierten Gebäude zuerst in den Blick genommen werden. Außerdem wird eine Wärmepumpenoffensive gestartet, verbunden mit einer „Abwrackprämie“ für Verbrennungskessel. Für Gasverbrennungsheizungen soll es hingegen keine Förderung mehr geben. 

Novellierung des Gebäudeenergiegesetzes

Beim Gebäudeenergiegesetz kündigte Maaß eine mehrfache Novellierung an. Der Effizienzhausstandard 55 wird bereits in Kürze in Kraft treten. Der nächste große Schritt sei die Umsetzung der Anforderung, dass ab dem 1. Januar 2024 jede neue Heizung mit 65 Prozent erneuerbaren Energien betrieben werden soll. Dabei baut das Ministerium auch auf die Beteiligung von Expertinnen und Experten und weiteren Stakeholdern aus der Community.

Auch die Infrastrukturen werden sich verändern. Die Hauptinfrastruktur wird sich von den momentanen Gasnetzen hin zu Wärmepumpen und Wärmenetzen entwickeln. Dabei soll eine Wärmeplanung dafür sorgen, dass sich dieser Wandel gerichtet und planvoll vollzieht. Die Bundesförderung effiziente Wärmenetze soll in Kürze starten und dies auf der Förderseite begleiten; ebenso wird eine Wärmepumpenoffensive vorbereitet. 

Maaß wünscht sich, „dass wir die Aufbruchsstimmung, die man überall spürt, in Tatkraft ummünzen. Wir alle sind gefordert. Jetzt ist der Moment, all das, was viele Jahre vorbereitet wurde, ins Werk zu setzen.“ Wie die angewandte Energieforschung einen Beitrag dazu leisten kann, wurde in weiteren Vorträgen deutlich.  

Dekarbonisierung des Hamburger Fernwärmenetzes

Die Hamburger Energiewerke, ein städtisches Unternehmen, stellten ihr Konzept zur Transformation und Dekarbonisierung des Fernwärmenetzes in Hamburg vor. Dieses sieht vor, die beiden Kohlekraftwerke in Wedel und Tiefstack bis 2025 beziehungsweise 2030 abzuschalten. Der Energiepark Hafen soll zukünftig die Energieerzeugung übernehmen und dafür beispielsweise Industrieabwärme, Kraft-Wärme-Kopplung und Großwärmepumpen nutzen. Ein großskaliger Aquiferspeicher, der im Rahmen des BMWK-geförderten Reallabors der Energiewende „Norddeutsches Reallabor“ erforscht wird, soll ungenutzte Wärme speichern. Aquifere sind natürliche, abgeschlossene Gesteinsformationen, die tief unter der Erde Grundwasser führen. In diesem Grundwasser wird die Wärme langfristig gespeichert. Das Kohlekraftwerk Morburg soll zudem durch den Green Hydrogen Hub ersetzt werden, in dem mit einem Großelektrolyseur (100 Megawatt) zukünftig grüner Wasserstoff erzeugt werden soll. In einem weiteren Reallabor der Energiewende, dem Projekt „IW3 -Integrierte Wärmewende Wilhelmsburg“ wollen die Hamburger Energiewerke Geothermie als Basis der regenerativen Wärmeversorgung für Quartiere in Wilhelmsburg nutzen, wo ein Wärmeverbundnetz aufgebaut werden soll.

Was ist ein Reallabor der Energiewende?

Die Vorhaben „Norddeutsches Reallabor“ und „IW3 - Integrierte Wärmewende Wilhelmsburg“ sind so genannte Reallabore der Energiewende. Gefördert vom Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz werden hier innovative Technologien in der praktischen Anwendung unter realen Bedingungen und im industriellen Maßstab getestet. Die Reallabore betrachten das systemische Zusammenspiel von Energiebereitstellung und Energiebedarf auf der Ebene eines konkreten Quartiers oder einer oder mehrerer ausgewählter Städte. Manche Reallabore der Energiewende erstrecken sich sogar über mehrere Bundesländer. Die in den Projekten gesammelten Erfahrungen können Fachleute anschließend nutzen, um den tiefgreifenden Umbau des Energiesystems in Deutschland entscheidend Richtung Klimaneutralität voranzubringen.

Klimaneutrales Quartier in Esslingen

Professor Manfred Norbert Fisch vom Steinbeis-Innovationszentrum energieplus stellte das ebenfalls vom BMWK geförderte Forschungsvorhaben „Klimaneutrales Stadtquartier – Neue Weststadt Esslingen“ vor. Gut wärmegeschützte Gebäudehüllen (Effizienzhaus 55) bilden hier die Basis für einen niedrigen Energiebedarf. Die Dachflächen werden für die Stromerzeugung mittels Photovoltaik genutzt. In diesem Zusammenhang appellierte Fisch an die Architekten, Pultdächer zu planen, da diese für eine höhere Solarisierung sorgen als Flachdächer. Überschüssiger erneuerbarer Strom wird mittels Elektrolyse umgewandelt und für die Nutzung im Stadtviertel, in der Mobilität und der Industrie aufbereitet. Die Wärme, die beim Vorgang der Elektrolyse entsteht, trägt zudem zur Versorgung des Quartiers bei. Ein Biomethan-Blockheizkraftwerk liefert ebenfalls regenerative Wärme. Die Erfahrungen und Erkenntnisse des Esslinger Projekts sollen in den nächsten Jahren in weitere Quartiersprojekte einfließen.

Informationen zur Veranstaltung

Unter dem Titel „Klimaneutrale Gebäude: erneuerbar und effizient“ fand die Veranstaltungsreihe des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz am 4. Mai 2022 im Rahmen der Berliner Energietage statt. Ein Video mit der vollständigen Veranstaltung finden Sie auf youtube. (kst)