Der Neubau des Dienstleistungs- und Verwaltungszentrums Barnim besteht aus vier kompakten drei- bis viergeschossigen Blöcken mit glasüberdachten Innenhöfen. Ein ausgeklügeltes Tages- und Kunstlichtkonzept ermöglicht eine energieeffiziente Beleuchtung. Das Energiekonzept sieht acht verschiedene Betriebsarten zum Heizen oder Kühlen vor. Diese hängen davon ab, ob als Wärmequelle Erdreich oder Luft dient oder ob mit Wärmepumpe/Kältemaschine oder mit Direktkühlung bzw. im Regenerationsbetrieb gearbeitet wird. Latentwärme-Speichermaterialien in der Decke sorgen im Zusammenspiel mit der Lüftungsanlage, der Nachtlüftung über automatisch sich öffnende Fenster und einem außenliegenden Sonnenschutz für angenehme Raumtemperaturen.

Der Landkreis Barnim erhielt in seiner Kreisstadt Eberswalde ein neues Gebäude für die Kreisverwaltung und den Landrat des Landkreises Barnim. Das Gebäudeensemble beherbergt seit seiner Fertigstellung auf 15.000 Quadratmetern rund 500 Arbeitsplätze der Kreisverwaltung. Zuvor waren die Mitarbeiter auf acht verschiedene Standorte verteilt.

Der Neubau des Dienstleistungs- und Verwaltungszentrums Barnim schließt eine über einen Hektar große, im Krieg entstandene Lücke inmitten der historischen Altstadt von Eberswalde. Das Neubauensemble heißt "Paul-Wunderlich-Haus" und beherbergt neben der Kreisverwaltung und dem Sitz des Landrates mit einem Plenarsaal auch Flächen für Handel und Gewerbe sowie ein kleines Museum mit Werken des Künstlers Paul Wunderlich. Das fehlende „Stück Stadt“ wird durch vier kompakte 3- bis 4- geschossige Baukörper ergänzt, die sich in Form und Maßstab in die bestehende Stadtstruktur einfügen. Die Bezüge im Stadtraum werden wieder hergestellt und die wichtigen öffentlichen Gebäude neu vernetzt. Die Forderung nach einem energieeffizienten Gebäude war Bestandteil der europaweiten Ausschreibung des Architektenwettbewerbes. Sie führte bereits zu einem frühen Zeitpunkt zur Beauftragung eines breit gefächerten Planungsteams unter Führung des Architekten als Generalplaner. Unter Beachtung der architektonischen, städtebaulichen und nutzungsdefinierten Randbedingungen wurden Gebäudeform, Verglasung, Sonnenschutz, Fassaden und Speichermassen so konzipiert, dass mit einem geringen Energieaufwand ein hoher Nutzungskomfort realisierbar ist. Hierzu gehören eine hohe Raum- und Nutzungsqualität des öffentlichen Raumes genauso wie ein ausgeklügeltes Tages- und Kunstlichtkonzept.

Forschungsfokus

Neben den obligatorischen Messungen der Energieverbräuche und der Ermittlung von Energiekennzahlen wurden die Erdreichtemperaturen im genutzten und ungenutzten Bereich untersucht, die thermische Behaglichkeit ermittelt sowie die Beleuchtungsstärken und Leuchtdichten detailliert erfasst. Außerdem wurde der Einfluss der neuartigen Latentwärmespeicherdecke genauer untersucht.

Gebäudekonzept

Das neue Kreishaus soll effektive Verwaltungsabläufe und einen bürgerfreundlichen Service ermöglichen. Jedes Dezernat hat ein eigenes Gebäude mit einem begrünten Innenhof. Die einzelnen Dezernate werden über die Treppen- und Aufzugsanlagen in den Torhäusern erschlossen. Die überwiegend als Kombibüros organisierten Leistungsbereiche sind offen um die Innenhöfe herum organisiert. Gemeinsame Mitte der Leistungsbereiche der Dezernate sind die begrünten Höfe, die dem Haus eine entspannende Atmosphäre verleihen.

Der Pavillonplatz bildet als gemeinsame Mitte der Dezernate die Kombizone des Kreishauses. Hier können sich die Menschen treffen, die im Kreishaus arbeiten sowie die Nutzer der Kreisverwaltung und der Dienstleistungen. Neben dem Landratsgebäude bietet auch der Pavillonplatz Ausstellungsflächen für Kunstwerke des aus Eberswalde stammenden Künstlers Paul Wunderlich, der dem Haus seinen Namen gibt.

Eine möglichst geringe Hüllfläche, kurze innere Wege, grüne Höfe als atmosphärische Frischluftgeneratoren und ein schlankes Gebäudeklimakonzept waren die zentralen Energieeffizienz-Ansätze bei der Planung. Dabei hat jedes Gebäude ein eigenes Gesicht und eine eigene Infrastruktur, es kann eine eigene Adresse und einen eigenen Eingang haben, d. h. Teile der Anlage sind gut anderweitig verwertbar.

Energiekonzept

Die wesentlichen Punkte, die zu dem niedrigen Energieverbrauch beitragen, sind zum einen gut gedämmte Fassadenelemente aus Holz mit Zellulosedämmung und Dreischeiben-Wärmeschutzverglasungen. Ein ausgeklügeltes Tages- und Kunstlichtkonzept mit einer hohen Transparenz zu innen liegenden Kombizonen ermöglicht eine energieeffiziente Beleuchtung. Zum anderen liegen nutzerseitig nur sehr niedrige EDV-bedingte interne thermische Lasten an.

Die gründungstechnisch notwendigen Bohrpfähle werden mit Absorberregistern belegt, die dem Erdreich Wärme zum Heizen des Gebäudes entnehmen, das wiederum im Sommer gekühlt wird, indem Wärme aus der Gebäudemasse an das Erdreich abgegeben wird. Im Gebäude entstandene Abwärme wird dem Gebäude über Lüftungsanlagen mit einem Wärmebereitstellungsgrad von bis zu 80% wieder zugeführt.

Die Förderung im Rahmen der Forschungsinitiative EnOB ermöglichte die Einschaltung aller für die Energieeffizienz notwendigen Fachplaner zu einem frühen Zeitpunkt und die Durchführung von Simulationen, die über den üblichen Planungsaufwand hinausgehen. In gleichem Umfang wurde der Einsatz von innovativen Technologien wie Vakuum-Isolationspaneele (VIP) und Latentwärmespeicher (PCM) sowie die Entwicklung einer energieeffizienten Stehleuchte mit innovativem Regelungsmanagement gefördert.

Performance

Als Ergebnis wurde ein Endenergieverbrauch von 23,5 kWh/m2a elektrischer Energie für Heizen (witterungsbereinigt), Kühlen, Lüften und HKS Antriebe und ein Primärenergieverbrauch von 70,6 kWh/m2a (bei PE-Faktor = 3) erzielt. Diese Werte gelten als Mittelwert der drei Messjahre 2008-2010 und beziehen sich auf den Gebäudeteil D. Unter Einbezug der elektrischen Beleuchtung liegt der Primärenergieverbrauch bei ca. 100 kWh/m2a (PE-Faktor = 3). Aufgrund der im Messzeitraum stetig kälter gewordenen Winter und der damit verbundenen Auskühlung der Wärmequellen Erdreich und Luft sinkt die Leistungszahl COP der Wärmepumpen von 3,1 in 2008 stetig auf 2,9 in 2010. Für den weitaus größten Teil der Arbeitszeit stehen thermisch und visuell sehr komfortable Bedingungen zur Verfügung.

Das Gebäude verfügt über acht verschiedene Betriebsarten, je nachdem ob Erdreich oder Luft als Wärmequelle zum Heizen oder Kühlen verwendet werden und ob mit Wärmepumpe/Kältemaschine oder mit Direktkühlung bzw. im Regenerationsbetrieb gearbeitet wird. Die sinnvolle Nutzung dieser Betriebsarten, die Einstellung von Tages- und Wochenprogrammen und die Nutzung der Nachtlüftung waren Gegenstand der laufenden Optimierung. Die von den Nutzern gewünschte Raumtemperatur lag im Winter mit 23°C deutlich über der Plantemperatur von 20°C. Unzulänglichkeiten im Wärmeverteilsystem durch unterschiedlich lange Leitungswege, zu kleine Radiatoren und einer nur teilweise realisierten Fußbodenheizung führten zu Temperaturunterschieden zwischen den Bereichen, teilweise hohen Zuluftströmen und im Winter zu trockener Luft. Eine Vergrößerung der Radiatorflächen und die winterliche Luftbefeuchtung waren vorgeschlagene Maßnahmen zur weiteren Optimierung.

Wirtschaftlichkeit

Das zur Verfügung stehende Budget des Bauherrn war bereits im Wettbewerb klar vorgegeben und die Einhaltung dort bereits nachzuweisen. Bei einem im ständigen politischen Fokus stehenden Projekt im Stadtzentrum einer kleinen Stadt wie Eberswalde stand die Einhaltung des Budgets während des gesamten Planungs- und Bauprozesses im Vordergrund. Die spezifischen Baukosten konnten über den gesamten Planungszeitraum entsprechend der Budgetvorgabe trotz mehrfacher Änderungswünsche seitens des Bauherrn eingehalten werden.

Die Verpflichtung, die Bauleitungen öffentlich auszuschreiben, und die Teilung der Arbeiten in kleinere Lose ermöglichte die Vergabe an qualitativ hochstehende aber kostengünstige Baufirmen. Bei Baukosten von unter 1.300 € brutto je m² NGF wurde ein architektonisch anspruchsvolles Gebäude mit sehr hohem Qualitäts- und Komfortniveau und einer hochwertigen technischen Ausstattung hergestellt.

Dem Gebäude wurden zwei Zertifikate der Deutschen Gesellschaft für nachhaltiges Bauen e.V. (DGNB) verliehen: ein GOLD Zertifikat in der Kategorie Neubau mit einem Erfüllungsgrad von 89,5% und ein GOLD Zertifikat in der Kategorie Bestandsgebäude mit einem Erfüllungsgrad von 90,9%. Darüber hinaus wurde das Projekt als „vorbildlicher Betreiber“ in der Pilotanwendung „BNB Nutzen und Bewirtschaften“ des Zertifizierungssystems des Bundes und mit zahlreichen weiteren Preisen ausgezeichnet.

Projektkenndaten

Zuletzt aktualisiert am:
12.07.2021

Gebäudeensemble nutzt Erdreich als Wärme- und Kältequelle

För­der­kenn­zei­chen: 0335007V-W

Projektlaufzeit
01.07.2004 30.04.2008 Heute ab­ge­schlos­sen

The­men

Neubau von Einzelgebäuden, Heizen, Lüften, Kühlen, Tageslicht & Beleuchtung, Gebäudebetrieb & Gebäudeautomation, Neue Materialien, Betriebsführung & Energiemanagement, Wärme aus Erdreich, Grundwasser, Abwasser

För­der­sum­me: 2.256.529 €

Kontakt

Koordination
Landkreis Barnim-Kreisverwaltung
http://www.barnim.de

Tel.: +49(0)3334-214-0

2. Projektphase: Forschung/Monitoring Projektleitung
BTU Cottbus-Senftenberg - Lehrstuhl für Angewandte Physik/Thermophysik
http://www.physik.tu-cottbus.de/physik/ap2/

Tel.: +49(0)355-692348

©aryfahmed – stock.adobe.com

Klimaneutrale Wärme

Über die Hälfte der Energie in Deutschland nutzen wir, um unsere Häuser, Büros und Geschäfte zu heizen und um Wärme für Gewerbe und Industrie bereitzustellen. Der Übergang hin zu erneuerbarer Wärme, unvermeidbarer Abwärme und CO2-freien Brennstoffen muss organisiert werden.

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Infotipp zum Projekt

BINE-Projektinfo 16/2009
Verwaltungsgebäude als energieeffizientes Ensemble

Alle Publikationen des BINE Informationsdienstes finden Sie auf den Seiten der Deutschen Digitalen Bibliothek.

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